Kurzbiographie  

 

 

Ferdinand von Schill

6. Januar 1776 - 31. Mai 1809

 

Schill wurde auf sächsischem Grund geboren; er erblickte das Licht der Welt zu Wilmsdorf, Parochie Possendorf bei Dresden, am 6. Januar 1776. Seine Taufe erfolgte sechs Tage später. Die beglaubigte Abschrift des Taufscheins Ferdinand von Schills ist noch heutigen Tages unter Glas und Rahmen in der Kapelle der Schillstiftung zu Braunschweig, von welcher noch später die Rede sein wird, zu sehen und widerlegt die in vielen preußischen Geschichtsbüchern zu findende Angabe, Schill sei ein geborener Schlesier. Das um jenes Irrtums Willen historisch wertvolle Dokument hat folgenden Wortlaut:

.

Dass laut des Kirchenbuchs zu Possendorf bei Dresden vom Jahre 1776 Ferdinand von Schill, ehelicher Sohn des Herrn Johann Georg von Schill, Oberleutnant und Rittergutsbesitzer zu Wilmsdorf, Parochie Possendorf bei Dresden, und dessen Gemahlin*, geborene von Trazlauer, am sechsten Januar Eintausend siebenhundert sechs und siebzig zu Wilmsdorf geboren und den zwölften Januar des 1776. Jahres nach evangelischer Weise im elterlichen Hause getauft worden ist, wobei Personen:
1) Herr Christian Friedrich Naumann, Postsekretär in Dresden,
2) Frau Baronesse von Haussen in Dresden, vertreten durch Frau Christiane Elisabeth Dalichorius, Pfarrers zu Possendorf Ehefrau,
3) Herr Johann Georg Scherber, Rittergutsbesitzer zu Possendorf, für Herrn Major Pöllnitz in Warschau;
anwesend: Herr Ferdinand Baptiste Graf von Senar und Frau Carrossin, Kammerfrau bei Hofe in Dresden,
als Taufzeugen gewesen, wird von Amts wegen bescheinigt.
Pfarramt Possendorf bei Dresden II.
28. Juni 1855
Friedrich Leberecht Lehmann
Pastor und Kirchenbuchführer“


 

Geburtshaus in Possendorf

 

Der junge Schill wurde von seinem Vater, der sich, nachdem er unter sächsischen, österreichischen und preußischen Fahnen gedient, in Schlesien angekauft hatte, von Jugend auf die Waffen erzogen und trat, nachdem er in Breslau die Schule besucht hatte, mit sechszehn Jahren zuerst als Standartenjunker in das gelbe preußische Husarenregiment von Usedom ein, verließ es aber schon nach einem Jahre wieder und nahm Dienste im preußischen Dragonerregiment Anspach-Bayreuth. Als Offizier desselben lebte er in Garz an der Oder und galt bei seinen Kameraden keineswegs als besonders begabt. Man hielt ihn allgemein für ein etwas eigen Krauz und seine Kameraden hatten damit nicht ganz Unrecht. Was in Ihm steckte, ahnte damals noch niemand, er selbst wohl am wenigsten. Sein eigenartiger Charakter und vornehmlich sein späterer in den Stunden der Gefahr so oft bewiesener Mut, der nicht selten an Tollkühnheiten streifte, kam aber schon in jungen Jahren bei verschiedenen Gelegenheiten in der ein oder anderen Form zu Tage, wie unter anderem auch aus der nachstehenden kleinen Geschichte zur Genüge zu ersehen ist.

Im Jahre 1805 war Schill mit seine Regimente an den preußischen Truppenbewegungen in Thüringen beteiligt und focht in seinen Reihen im folgenden Jahre mit in der unglücklichen Doppelschlacht bei Jena und Auerstädt am 14.Oktober. An diesem Tage stand er an der Spitze der Feldwache, welche am Eckartsberge plötzlich von französischer Reiterei umzingelt wurde. Die Aufforderung zum Waffenstrecken beantworteten Schill und seine Dragoner mit Säbelhieben, welche viele Franzosen verwundeten. Zuletzt raubte ein schwerer Kopfhieb dem Leutnant von Schill die Besinnung und sein mehrfach verwundetes Ross entführte ihn in wilden Sätzen dem Kampfgetümmel. Halbtot vor Blutverlust, stürzte er endlich zu Boden, wurde aber von treuen Kameraden gefunden, verbunden und durch den übrigen Fluchtschwall bis Magdeburg mit fortgerissen. Hier nahm sich der französische Sprachlehrer Berr des verwundeten Offiziers menschenfreundlich an, hegte und pflegte ihn mit der Bitte, in Ruhe in Magdeburg seine völlige Genesung abzuwarten. Schill aber war vom Unglück des Vaterlandes tief ergriffen, welches ihn mehr schmerzte als seine Wunden.

„Verschaffen Sie mir,“ sagte Schill, „vor allen Dingen das eine, was mir jetzt am Herzen liegt, die Überzeugung, dass Magdeburg sich halten wird!“ Berr ging in die Stadt, kam aber bald schon mit der traurigen Nachricht zurück, dass bereits das Gerücht von einer Übergabe der Festung an die Franzosen in der Stadt vorbereitet sei. „So ist meines Bleibens nicht länger hier,“ sagte Schill seufzend, erhob sich augenblicklich und schleppte sich mit Mühe und Not über Stettin nach Kolberg. Dort nahm sich des Verwundeten abermals ein Menschenfreund an, der Ratsherr Westphal und es tat auch Not, denn Schills Kopfwunde war wieder viel schlimmer geworden. Schills Körper- wie Seelenzustand war beklagenswert. Vor allem sorgte er sich um Kolberg, dessen Werke verfallen und dessen Magazine leer waren. Der Festungskommandant, Oberst Loucabou, war nichts weiter als ein echter Exerziermeister, dabei alt, pedantisch und griesgrämig, ohne Energie und Kraft. Er war weder fähig noch auch entschlossen, die Verteidigung des ihm anvertrauten Platzes irgendwie mit Erfolg zu leiten. Ein glücklicher Zufall ließ Schill mit dem Bürger und ehemaligen Schiffsherren Nettelbeck zu Kolberg, sowie mit dem Kriegsrat Wisseling bekannt werden. Diese drei wackeren Männer stellten sich an die Spitze der Bürgerschaft, welche entschlossen war, ihre Stadt gegen die Franzosen zu verteidigen. So verlange es die Not und die Ehre von Kolberg, hatte Nettelbeck gesagt und die Bürger hatten sich mit diesem Worte einverstanden erklärt. Sie wollten sich bewaffnen, die Schanzen wieder in Stand setzten und im Notfalle bis zum letzten Manne verteidigen. Das eröffneten Sie auch dem Kommandanten. Der aber schnauzte sie an und sagte: er habe Kolberg zu kommandieren und wisse, was er zu tun habe und die Bürger möchten sich nicht um seine Angelegenheiten scheren.

Auch Schill, der den Oberst Loucadou um Mannschaften bat, um den anrückenden und sich zur Belagerung Kolbergs anschickenden Feinde das Leben sauer zu machen, fand bei dem alten Herr zunächst durchaus kein williges Ohr. Der junge Offizier, mit seinem wagnisvollen Mute und seinem ritterlichen Wesen, war ganz und gar nicht nach Loucabous Geschmack. Durch unablässiges Bitten erhielt Schill endlich die Erlaubnis am 10.November 1806 mit sechs Reitern, Kürassiere vom Depot des Regiments von Baillioz Nr. 5 vor Kolbergs Mauern sein Heil zu versuchen und schon mit dieser Handvoll Reitern, welche den Stamm seines in kurzer Zeit bis auf dreihundert Mann anwachsenden Freicorps bildeten, rettete er große Vorräte und brachte sie wohlbehalten in die Festung. Der glückliche Erfolg ermutigte ihn, noch um dreißig Mann zu bitten, um eine größere Unternehmung mit ihnen ausführen zu können. Doch des alten Loucadou stereotype Antwort blieb: „Nicht mehr als sechs.“

Mit diesen sechs durchstreifte nun Schill die Kolberger Umgegend, oft weit ins Land hinaus. Er entführte bedrohte Kassen, Pferde, Waffen, trieb den Franzosen Schlachtvieh Transporte ab und begegnete er kleinen feindlichen Trupps, so hieb er sie fast immer gehörig zusammen. Zugleich sammelte er immer mehr versprengte Preußen, wie waffenlos umherirrten um die Scharte von Jena gern auswetzen wollten.

In Schills Heldenseele stieg aber bald mit Macht ein größerer Plan empor. Im Rücken, des nach Polen vorgedrungenen Feindes eine starke Waffenmacht zu bilden, zunächst zum Schutze Kolbergs und später vielleicht zur Befreiung Deutschlands. Mit dem Feuer der Begeisterung trug er dem alten Kommandanten seinen Plan vor und bat um Genehmigung, sowie Unterstützung. Der aber schaute ihn groß an, schüttelte bedenklich seinen Kopf, sprach von tollen Wagstücken und hochfliegenden Plänen und wollte mit solchen Plänen absolut nichts zu tun haben. Als Schill von ihm ging, nahm er nichts weiter als die Überzeugung mit fort, dass er nur auf sich allein rechnen könne. Schill verbis seinen Grimm und betrieb umso eifriger die Sammlung von Versprengten. Sechsen Reiter auf abgetriebenen Gäulen, meist ohne Sattel und statt des Bügels einen Strick, das war der Anfang, die Stammtruppe jener Schill’schen Heldenschar, die Kolberg Bonapartes gewaltigen Griffen entriss. Aus den sechzehn wurden schließlich sechsundzwanzig. Mit diesen überfiel Schill am 07.Dezember in Gülzow eine fünfzig Mann starke Kolonne und nahm ihr 3 Gepäckwagen, Waffen und tausend Taler Kassengelder, sowie dreiundzwanzig Gefangene ab. Der König ehrte diese Tat, als er sie später erfuhr, durch den Orden pour le Mérite.

Schills Schar wuchs um diese Zeit bis zu hundert Reitern. Auch viele herzhafte Forstmänner und Jäger gesellten sich ihr als Schützen zu. Schill und die Seinigen waren eben im Begriff, die XXX Franzosen in Stargard, Usedom und XXX zu überrumpeln und so in Feindes Rücken die höchst wichtige Verbindung zur See mit Preußen, Russland und Schweden herzustellen, als der Oberst Loucadou Kunde von der Sache erhielt und sogleich die Schill’schen in die Festung zurückrief mit dem Andeuten: „er habe beschlossen, dieses Umhertreiben vor der Festung nun nicht mehr länger zu gestatten.“ Zähneknirschend gehorchten die tapferen Helden. Loucabou aber nahm ihnen auch obendrein auch die so mühsam gesammelten, größten Teils auf eigene Kostenausgerüsteten Reiter und Schützen weg und steckte sie unter die Festungsbesatzung. Untätig musste Schill hinter den Wällen sitzen bleiben, während die Franzosen die ganze Gegend um Kolberg verheerten und ausplünderten. Erst nach Verlauf eines Monats, am Anfang des Jahres 1807 wurde er nach Greifenberg geschickt, um die XXX zu bewachen.

Schill führte nun einen Handstreich nach dem anderen aus. Mit seinen verwegenen hatte er dem Feinde bald da, bald dort Mannschaft, Pferde, Geschütz, Geld und Vorräte aller abgenommen. Einen Hauptfang machte Schill unweit von Frankfurt an der Oder bis wohin er sich vorwagte, in einer Bauernhütte bei Urenswald, wo er den französischen General Victor, den damaligen Herzog von Belluno, aushob. Derselbe wurde nämlich gegen den von den Franzosen gefangenen General Blächer ausgewechselt und dieser unersetzliche Kriegsheld und Truppenführer so der preußischen Armee zurückgegeben. Schill machte fortab den Feinden den ganzen Landstrich von Kolberg bis Stargard, Urenswalde und Reustettin mit Erfolg streitig. Kein Kurier und Depeschenreiter, kein Detachement und keine Zufuhr war noch sicher vor ihm und seinen Tapferen. Die Schill’schen schienen allgegenwärtig zu sein, wuchsen überall, wo sich der Feind zeigte, schier aus dem Erdboden heraus und waren ebenso rasch wieder verschwunden. Der Name Ferdinand von Schill ward nun in ganz Preußen bekannt und überall mit Ruhm und Ehren genannt.

* Schills Mutter war eine Tochter des Stadtquartiermeisters Troglau aus Eger in Böhmen. Sie war bürgerlicher Herkunft, auf dem Trauschein vom 29. Mai 1762 erzwang Johann von Schill im Interesse seiner Karriere eine Fälschung, indem er vom Pfarrer das Wörtchen „von“ eintragen ließ, wodurch aus der Patrizierstochter eine „Freiin“ von Troglau wurde.

 

Schills Totenmaske

 

zurück     zurück zum Inhalt Persönlichkeiten