Die Geschichte

 

 

des „Blüchersäbels“ M 1811

aufgeschrieben von Detlef Franckowiak

 

Fast schon an der Straße Unter den Linden in Berlin, an der Grünfläche zwischen Staatsoper und Operncafe, steht eine Statue des ruhmvollen Generalfeldmarschalls Gebhard Leberecht von Blücher, von seinen Waffengefährten nach der Völkerschlacht bei Leipzig 1813 „Marschall Vorwärts“ oder „Pascholl“ genannt. Das Denkmal, von Christian Daniel Rauch modelliert, wurde 1826 feierlich eingeweiht. Barhäuptik, in einen schlichten Umhang gehüllt, blickt der populärste Feldherr der deutschen Befreiungskriege 1813/14 auf den Betrachter nieder. Seine Faust umfaßt den Griff eines zur Erde gesenkten Säbels, der typische Kampfwaffe der preußischen leichten Kavallerie von 1813/14.

Die auf dem Denkmal dargestellte Waffe ist als „Blüchersäbel“ bekannt. Der Begriff wurde vom Volksmund geprägt und wie bei vielen volkstümlichen Bezeichnungen und Redewendungen fehlen über seine Entstehungszeit genaue Angaben. In militärischen Memoiren und älteren geschichtlichen Beiträgen des 19. Jahrhunderts wird dieser Begriff nicht erwähnt, sie weisen nur auf den englischen Ursprung des Säbels hin.  1908 findet man den „Blüchersäbel“ erstmals in der Fachliteratur. Eine weitere Möglichkeit währe, daß die Berühmtheit, die Blücher zur damaligen Zeit hatte, mag dazu beigetragen haben, daß die Husaren ihren Säbel den Namen „Blüchersäbel“ verliehen.
In der Entwicklungsgeschichte von Waffen ist es nicht ungewöhnlich, daß nach kriegerischen Zusammenstößen die Sieger von den Besiegten Waffen übernommen, sei es, weil sie wirksamer als die eigenen waren oder weil damit eigene Verluste kostengünstiger ersetzt werden konnten. Auch enge Beziehungen innerhalb einer militärischen Koalition führten zur Übernahme fremder Waffenmodelle. Der legendäre „Blüchersäbel“ ist aus dem 19. Jahrhundert das bekannteste Beispiel dafür.

Das Vorbild des „Blüchersäbels“ entstand 1796 in England als Waffe für die leichten Dragoner. Es war ein wuchtiger Säbel mit überaus breiter, stark gekrümmter Klinge und mit neuartiger Griffbügelform (englisch: Stirrup = Steigbügel). Beachtenswerte Details waren auch die schildförmigen Lappen an der ganzen Griffkappe und am Kreuzstück der Parierstange sowie die eiserne Scheide.

Am 20. Mai 1807 gelangten mehrere tausend Stücke dieser Waffe in die belagerte Festung Kolberg. Zwei englische Schiffe hatten sie gebracht. – Nach der militärischen Katastrophe in der Doppelschlacht von Jena und Auerstedt am 14.Oktober 1806 und der schmählichen Kapitulation zahlreicher preußischer Festungen vor den Truppen des französischen Kaisers Napoleon I.  leisteten nur noch wenige Festungen die unter dem Befehl beherzter Offiziere standen, hartnäckigen Widerstand. Zu diesen Ausnahmen gehörte Kolberg, wo im Frühjahr 1807 Neidhard von Gneisenau kommandierte und auch Rittmeister Ferdinand von Schill mit seinem Freikorps aus Fußtruppen und Reiterei kämpfte. Mangel an Waffen bewog Schill, Anfang April 1807 einen Offizier nach London zu entsenden. Da die verbündeten Preußen, Schweden und Engländer inzwischen von Schweden – Pommern aus (Rügen, Stralsund, Greifswald) eine gemeinsame Division im Rücken der französischen Truppen verabredet hatten, brachte der Offizier eine Anweisung über Lieferung von 10.000 Gewehren mit Munition und 6.000 Kavalleriesäbel nach England. – Gneisenau ließ von Kolberg aus sofort 6.000 Gewehre und 1.000 Säbel nach Stralsund weiterleiten, wo Generalleutnant Blücher das preußische Hilfskorps für diese Aktion zusammenstellte. Zu diesem Hilfskorps gehörten auch Teile seines ehemaligen Husarenregiments sowie die Schwadronen Schills aus Kolberg. Der Friedensvertrag von Tilsit zwang Blücher jedoch, im Juli nach Pommern zurückzukehren. Auf diese Weise aber wurden wahrscheinlich zunächst das von Schill befehligte Husarenregiment und anschließend auch das pommersche Husarenregiment mit den englischen Kavalleriesäbel M1796 ausgerüstet. Während der Befreiungskriege 1813/14 lieferte England weitere Waffen an Preußen. Außer etwa 115.000 Gewehre wurden allein von Mai bis August 1813 mindestens 10.000 Kavalleriesäbel in Kolberg an Land gebracht und an zahlreichen Ersatz- und Reserveformation, an neu formierte leichte Kavallerieregimenter, der überwiegende Teil jedoch an die Landwehrkavallerie ausgegeben.

In Preußen wurde der Säbel M 1798 nachgebaut. Er unterschied sich jedoch deutlich vom englischen Original. Die preußische Variante wird allgemein als Kavalleriesäbel M 1811 bezeichnet, was auf einen Kabinettsbefehl vom 29.05.1811 zurückzuführen ist. Danach sollten die Dragoner wie die Husaren an Stelle der Pallasche regimenterweise Säbel erhalten, wofür etwa 3.000 Waffen bereitgestellt werden mußten. Wahrscheinlich – wenn auch nicht bewiesen – ist, daß für die Umrüstung der in Preußen nachgebauten englischen Säbel M 1796 verwendet wurde. Ein Vergleich zeigt, daß Griffbügel und Parierstange der englischen Säbel weniger kräftig ausgebildet sind, das Gefäß zwei Zentimeter kürzer ist und die Lappen an der Griffkappe viel tiefer, manchmal fast an der Basis des Griffes sitzen. Die englischen Klingen sind etwas breiter ausgeschmiedet. Die Scheiden haben asymmetrische Schleppeisen; der untere Abschluß der preußischen Scheiden wird dagegen von einem dünnen Ortband geschützt, das in ein dreieckiges Schlagblech übergeht. Das Blücherdenkmal in Berlin beweist, daß der nachgebaute Kavalleriesäbel M 1811 der eigentliche Blüchersäbel ist, man kann sehr deutlich das kräftiger geformte Gefäß erkennen.

Husaren, Dragoner, Ulanen und Kanoniere der reitenden Artillerie waren in Preußen mit dem Blüchersäbel bewaffnet. Die englischen Originale und die preußische Variante wurde noch lange Zeit regimenterweise nebeneinander geführt.

Frühe Exemplare des M 1811 haben keinerlei Herstellungsstempel. Erst in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts wurde in die Klingenrücken Jahreszahlen eingeschlagen, als frühestes Datum ist das Jahr 1831 bekannt. Nach 1850 erscheinen die üblichen preußischen Abnahmestempel.

Solange mit Säbel und Pallasch auf dem Schlachtfeld Erfolge erzielt werden konnten, bemühten sich Waffenkonstrukteure, die Wirksamkeit der Blankwaffen zu steigern. Sorgfältig überprüfte Kampferfahrungen und verbesserte Produktionstechnologien brachten neue Muster hervor. Seit den Kriegen zwischen 1792 und 1815 zeichneten sich mehrere Entwicklungstendenzen ab, die dazu dienen sollten, den Kampfwert der Säbel zu erhöhen: der Handschutz wurde verstärkt, Krümmung und Breite der Klingen vermindert, die Klingenspitze in der Mittellinie (Karpfenzungenspitze) verlegt. Derartige Säbel konnte man als Hieb- und Stichwaffe verwenden.

Die preußische Armeeführung ignorierte lange Zeit die Veränderungen an Kavalleriesäbeln. Über die Nachteile des Blüchersäbels waren sich erfahrene Kavalleristen einig.
„Mit dem alten Säbeln ist das Stechen ganz unmöglich, das Parieren eines Hiebes nach der Hand sehr schwierig und das Sichern eines scharfen Hiebes nicht leicht“,
berichtete eine Kavalleriebrigade in der „Deutschen Wehrzeitung“
Friedrich Engels, der 1855 in einer größeren militärischen Arbeit auch den preußischen Blüchersäbel beurteilte, vermerkte kritisch: „Der Säbel der Kavallerie ist zu breit und gekrümmt – die meisten Hiebe kommen flach.“Bereits 1842/43 wurden in Preußen neue Säbel erprobt. Dazu wieder die Kavalleriebrigade: Sie „haben eine Spitze zum Stechen, sind weniger gekrümmt und den alten unbedingt vorzuziehen, sehr zu wünschen ist aber, daß sie zur Deckung der Hand noch mit einem Korbe versehen werden mögen“ Aber alles blieb beim alten bis zum Jahre 1848, als im Deutsch – Dänischen Revolutionskrieg preußischen Reitern im Handgemenge mit dänischen Dragonern einige Finger abgeschlagen wurden. Zwei Jahre wogte in der „Deutschen Wehrzeitung“ einen reaktionären preußischen Militärblatt, Kritik und Verteidigung des Säbels hin und her. Anfang 1850 stimmte der preußische König endlich zu, einen neuen Korbsäbel einzuführen. Waren es nun Blindheit vor dem erreichten internationalen Entwicklungsstand, finanzielles Unvermögen oder Konservatives Beharren auf einer traditionsbehafteten Blankwaffe – die zuständigen Offiziere im preußischen Kriegsministerium hatten die Absicht, den alten Blüchersäbel zu retten. Sie schlugen vor, daß er zusätzlich zum Gefäß ein korbähnliches Spangensystem erhalten solle. Am 30.Juni 1850 teilte das Allgemeine Kriegsdepartement des II. Armeekorps jedoch lakonisch mit: „Die Aptierung der alten Säbel mit Korbgefäß hat sich durchweg als nicht zweckmäßig erwiesen, ist also nicht fortzusetzen.“ Ein von einer Solinger Waffenfabrik danach vorgelegter Säbel hatte gleichfalls die alte Gefäß- und Klingenform. erst einen Infanterieoffizier der Gewehrmanufaktur in Saarn gelang es schließlich, mit der Konstruktion des Kavalleriesäbels M1852 den Anschluß an die internationale Entwicklung zu vollziehen.

 

 

 

Zusammenfassung Kurzbeschreibung des

M 1796,  M 1811 und M 1852

 

Der M 1796 (siehe auch Europäische Hieb- und Stichwaffen von H. Müller und H. Kölling  Seite 333 + 415   Nr. 478)

Säbel der leichten Kavallerie Großbritannien, in Preußen kopiert als M1811. Gekehlte Rückenklinge, Spitze in der Rückenlinie, Rücken gestempelt. Klinge derzeitig mit Marke. Eisengefäß, nach vorn ausgebauchter Griffbügel (englisch Stirrup = Steigbügel) mit Langschlitz für Faustriemen, Griffkappe tief angesetzt, Griffbügel und Parierstange weitaus weniger stark als beim preußischen Nachbau M 1811, gerippter Ledergriff, Stahlblechscheide mit asymmetrisches Schleppeisen.

Der M 1811 Dieser Säbel wurde von Dragonern, Husaren und Reitern des Trains getragen. Als Vorbild lag der englische Säbel für Mannschaften der leichten Kavallerie aus dem Jahre 1796 zugrunde. Der Kavalleriesäbel M 1811 ist auch unter dem Namen „Blüchersäbel“ bekannt. Warum der Säbel nach dem Feldmarschall Blücher benannt wurde, kann nicht mehr genau ermittelt werden.

Das Blücherregiment war das  5. Pommersche Husarenregiment. Die Hauptwaffe aller Husaren war der Säbel.

Griffbügel, Griffkappen und Griffring bestehen aus Eisen. Im oberen Drittel des nach vorn ausgewölbten Griffbügels befindet sich ein Schlitz für den Faustriemen. Die mächtige Klinge ist mit beiderseitigem breitem Holschliff versehen. Die aus Eisenblech bestehende Scheide ist mit zwei Bändchen, an denen je ein Tragering befestigt ist, ausgestattet. Das Typische des Blüchersäbels ist das untere Scheidenende – die Vorderkante wird durch ein dreieckiges Schlagblech geschützt.

Der Kavalleriesäbel M 1811 wird häufig mit ähnlich aussehenden Säbeln verwechselt. Als Beispiel sei hier nur der Artilleriesäbel n/A 1848 erwähnt. Dieser Säbel nach älterer Art ist leichter als der Blüchersäbel. Die Scheide des n/A 1848 weist ein voll ausgebildetes Schleppblech auf; die Parierstangenlappen sind auch schmaler als beim M1811.

Der n/A 1848 wird fälschlicherweise auch als „Kleiner Blüchersäbel“ bezeichnet.

Der M 1852 (siehe auch Europäische Hieb- und Stichwaffen von H. Müller und H. Kölling  Seite 341 + 418   Nr. 501)

hergestellt bei Weyersberg & Stamm in Solingen ist nur noch selten im Original anzutreffen. Die leicht gekrümmte Klinge hat beiderseits einen Holschliff, der 16 mm breit ist. Die Originalwaffe besitzt eine Karpfenzungenspitze. Das Gefäß besteht aus dem Dreiviertelkorb, dem Griffring und dem Griff. Das Griffholz ist aus Buche gefertigt. Die Unterwicklung besteht aus Kordel, die Oberwicklung aus schwarzem Leder. Die Offizierssäbel hatten Silberdrahtwicklung auf Fischhaut, die Mannschaftswaffe hatte keine Drahtwicklung. Die Scheide ist aus Eisen und hat zwei Ringbänder mit beweglichen Trageringen. Das Schleppblech ist nach vorn spitz zugezogen.

Als erstes trug das 2. Dragonerregiment im Jahre 1852 diesen Säbel. Am 08.01.1857 wurde für die gesamte Kavallerie das Tragen des M 52 zum Gesetz erhoben. Eine Ausnahme machten lediglich die Kürassiere, sie brauchten diese Waffe nicht zu tragen. Mit dem Kavalleriesäbel M 52 ging die große Ära des „Blüchersäbels“ (Kavalleriesäbel M 1811) zu Ende.

Durch Verfügung vom 25.04.1879 erhielt der M 52 eine Steckrückenklinge mit Schör. Durch diese Aptierung (Umbau) wurde aus dem M52 der M 52/79. Die Gesamtmasse der Waffe betrug 2.000 gr.. Warum diese Änderung vorgenommen wurde, kann nur durch Vermutungen erläutert werden: Der Säbel M 52 hatte eine reine Hiebklinge. Durch die Aptierung bekam die Klinge einen stärkeren Querschnitt. So konnte die neue Waffe als Hieb- und Stoßwaffe genutzt werden. Scheide und Gefäß dieser Säbel wurden ab 1905 brüniert.

Die Säbel M 52 und M 52/79 können auch mit Besonderheiten auftreten. So gibt es Stücke, deren Stichblattendknopf als Trillerpfeife ausgearbeitet ist. Verschiedene Regimenter führten am Korb ihre Regimentszeichen (das 1. Dragonerregiment hatte z.B. den silbernen Adler am Korb).

 

 

 

M 1796

M 1811

M 1852

       
Gesamtlänge              ca.

950 mm

1010 mm

1025 mm

 

 

 

 

Klingenlänge             ca.

810 mm

820 mm

886 mm

 

 

 

 

Klingenbreite             ca.

40 mm

40 mm

32 mm

 

 

 

 

Pfeilhöhe                   ca.

60 mm

60 mm

20 mm

       
Masse ohne Scheide        ca.

1210 gr.

1230 gr.

1900 gr.

       
Masse mit Scheide              ca.      
       
       

 

M1811 auf einer Briefmarke

 

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